MAKING VAN GOGH

Intro

MAKING
VAN GOGH
GESCHICHTE EINER DEUTSCHEN LIEBE 23.10.2019–16.2.2020

Er ist einer der bekanntesten Maler der Geschichte. Der kräftige Pinselstrich und die eigenwillige Malweise scheinen unverwechselbar: Vincent van Gogh! Zu Lebzeiten wurde er jedoch verhöhnt und kaum wertgeschätzt. Wie genau wurde der Künstler vom Geheimtipp zum Bestseller?

Schneller als in Frankreich, [...] schneller auch als in seiner Heimat, [...] hat sich van Gogh Deutschland erobert.

Julius Meier-Graefe Über Vincent van Gogh, in: Sozialistische Monatshefte, 10, 2, 1906

Zentrale Werke, überraschende Zusammenhänge: Die Ausstellung im Städel Museum beleuchtet die posthume Erfolgsgeschichte von van Goghs Kunst in Deutschland zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Eine zentrale Rolle für die Verbreitung seiner Malerei spielen Galeristen, Sammler und Museumsdirektoren. Gleichzeitig sehen die jungen Künstler des deutschen Expressionismus in van Gogh ein großes Vorbild. Der Mythos, die Malweise und Wirkung des bedeutenden Vorreiters der Moderne stehen im Mittelpunkt der umfassenden Schau im Städel Museum.

van Gogh

van Gogh Malerei und Leben

Berlin, 1904: Vincent van Goghs Gemälde „Ernte in der Provence“ ist in einer Galerieausstellung zu sehen. Die ausdrucksstarke Malerei erregt Aufsehen.

Kontrastreiche Farbigkeit und vereinfachte Formen, die sich im Rhythmus der Pinselstriche auflösen: Befremdlich muss van Goghs Malweise auf viele Menschen zunächst wirken. Nur wenige ausgewählte Künstler, Kritiker und Galeristen begreifen die Bedeutung seiner Werke für die Kunstgeschichte.

Ernte in der Provence / Vincent van Gogh, 1888 Öl auf Leinwand, 51 x 60 cm, The Israel Museum, Jerusalem Geschenk von Yad Hanadiv, Jerusalem, aus der Sammlung von Miriam Alexandrine de Rothschild, Tochter des ersten Baron Edmond de Rothschild, F558

Alles
für die
Kunst

Vincent van Goghs Bruder Theo und dessen Frau Johanna legen die Grundsteine für den posthumen Erfolg des Künstlers.

Es würde eine Unbilligkeit […] gewesen sein, für seine Person Interesse zu wecken, ehe noch sein Werk […] gewürdigt wurde.

Johanna van Gogh-Bonger in: Walter Feilchenfeldt: Vincent van Gogh & Paul Cassirer, Berlin: the reception of van Gogh in Germany from 1901 to 1914, 1988
Vincent van Gogh im Alter von 19 Jahren Van Gogh Museum Amsterdam

Hinter dem ausdrucksstarken Gesamtwerk steht eine legendäre Biografie: Aus bürgerlichen Verhältnissen stammend, findet der 1853 geborene Niederländer nach vergeblichen Versuchen als Verkäufer, Lehrer und Laienprediger mit 27 Jahren schließlich zur Malerei. In nur zehn Jahren entsteht ein Gesamtwerk, das unzählige Künstler und Kunstkenner der Moderne zutiefst beeindruckt hat.

Aber genauso bekannt wie seine Bilder ist die Geschichte, dass er sich nach einem Streit das Ohr abgeschnitten habe. Seelische Zusammenbrüche, Episoden der Selbstverletzung, Missbrauch von Koffein und Absinth – all das trägt zum Mythos vom Künstler zwischen Genie und Wahnsinn bei. Der tragische Selbstmord van Goghs im Juli 1890 löst bis heute eine schaurige Faszination aus: Erst jüngst wurde der Revolver versteigert, mit dem er sich das Leben genommen haben soll.

In Vincent van Goghs einsamem und unsicherem Leben ist ihm der jüngere Bruder Theo die wichtigste Stütze. Der in Paris lebende Kunsthändler glaubt fest an Vincents Malerei. Er kommt monatlich für Vincents Unterhalt auf und erhält im Gegenzug einen Großteil seiner Gemälde und Zeichnungen.

Nur sechs Monate nach Vincent stirbt 1891 auch Theo. Der gesamte Nachlass – darunter van Goghs Gemälde und zahlreiche Briefe – geht an Theos Frau Johanna van Gogh-Bonger. Mit großer Einsatzbereitschaft kümmert sie sich um das künstlerische Erbe ihres Schwagers: Sie baut umfangreiche Kontakte zu Kunstkritikern und Galeristen auf, platziert Gemälde in Ausstellungen und versucht, ein neues Bewusstsein für van Goghs Malerei zu schaffen. Außerdem arbeitet sie an einer Gesamtausgabe des Briefwechsels zwischen Theo und Vincent, die 1914 erstmals in Deutschland und den Niederlanden erscheint.

Theo van Gogh Van Gogh Museum Amsterdam

Neben der Kindererziehung hinterließ er [Theo] mir noch eine andere Aufgabe: Vincents Werk – es zu zeigen, es so oft wie möglich bewundern zu lassen.

Johanna van Gogh-Bonger Tagebucheintrag von 1891

Wirkung

Wirkung Zwischen Bewunderung und Unverständnis

Deutschland zu Beginn des 20. Jahrhunderts: Ein kleiner, aber einflussreicher Kreis Kulturschaffender begeistert sich für van Goghs Malerei. Sammler, Galeristen und Museumsdirektoren kaufen und präsentieren seine Gemälde – gegen den vorherrschenden Geschmack im Wilhelminischen Kaiserreich.

Die Zeit ist reif. Die gegenwärtige Ausstellung erlaubt es jenen, die das Werk Vincents nicht kennen, ihm Gerechtigkeit widerfahren zu lassen.

Julien Leclercq (Kunstkritiker) 1901, zit. nach: Stein 1995, S. 310.

Paris, 15. März 1901. Die Galerie Bernheim-Jeune eröffnet eine Ausstellung mit 71 Gemälden von Vincent van Gogh. Erstmals sind die Werke des Künstlers so zahlreich an einem Ort versammelt. Auch einige Besucher aus Deutschland bestaunen seine Gemälde dort. Ein kleiner Kreis von Liebhabern ist sich einig: Van Goghs Malerei ist der Höhepunkt der jüngsten französischen Maltradition.

Bernheim Jeune, 25 Boulevard de la Madeleine, Paris, 1910

Ich würde gerne [...] für die Ausbreitung der Kunst von Van Gogh arbeiten und versuchen, auch bei uns in Deutschland durchzusetzen, daß man mehr kauft [...].

Paul Cassirer 27. April 1905, Brief an Johanna van Gogh-Bonger (in: Van Gogh und Paul Cassirer, Berlin)
Paul Cassirer

Auch der Berliner Galerist Paul Cassirer ist unter den Besuchern der großen Pariser Van-Gogh-Ausstellung. Er fasst einen Plan: In Deutschland, wo bislang noch kaum jemand van Gogh kennt, will er die Gemälde zeigen! Bereits im Dezember 1901 sind im Kunstsalon Cassirer 19 Werke des Malers zu sehen. Sein Einsatz zahlt sich aus: Im Deutschen Kaiserreich wird Cassirer zum wichtigsten Vertrauten der Nachlassverwalterin Johanna van Gogh-Bonger. Direkt über sie kann er Bilder für Ausstellungen und für den Weiterverkauf beziehen.

Bis zum Beginn des Ersten Weltkrieges organisiert Paul Cassirer deutschlandweit insgesamt 15 Ausstellungen mit Werken von van Gogh. Aber auch bei anderen progressiven Galerien ist van Gogh zu sehen: z. B. in Dresden bei Ernst Arnold und Emil Richter, oder auch in München bei Brakl und Thannhauser oder bei Walter Zimmermann.

Breitere Kreise können Galeristen wie Paul Cassirer mit van Goghs Malerei nicht erreichen. Denn seine Kunst ist anders: Sie entspricht nicht dem geläufigen Kunstgeschmack des Deutschen Kaiserreichs.

Kunst, wie sie damals an den großen Akademien gelehrt wird – das fordert Kaiser Wilhelm II. Vor allem die Historienmalerei soll patriotische Botschaften vermitteln, bedeutende Ereignisse festhalten und wichtige Persönlichkeiten zeigen. Die naturgetreue Abbildung der Wirklichkeit wird an den staatlichen Akademien gelehrt. Eine glänzende, glatte Bildoberfläche gilt als Ideal: Sichtbare Pinselstriche werden als Unfähigkeit des Künstlers gedeutet.

Enthüllung des Richard-Wagner-Denkmals im Tiergarten / Anton von Werner, 1908 Öl auf Leinwand, 227 x 312,3 cm, Berlinische Galerie, Berlin
Kaiser Wilhelm II.

Die sogenannte Wilhelminische Ära von 1890 bis 1914 ist von der Regentschaft Kaiser Wilhelms II. geprägt. Industrialisierung und Technisierung, wirtschaftliches Wachstum und wissenschaftliche Durchbrüche tragen zum Aufschwung des Deutschen Reichs bei.

Parade im Wilhelminischen Deutschland SZ Photo/Süddeutsche Zeitung Photo

Ein ausgeprägter Nationalismus führt bis zum Ersten Weltkrieg zur militärischen Aufrüstung. Als Oberster Kriegsherr vermittelt Kaiser Wilhelm II. Macht und Überlegenheit durch öffentliche Paraden.

Kaufhaus des Westens, 1907 SZ Photo/Süddeutsche Zeitung Photo

Die Wirtschaft floriert. Warenhäuser wie das Berliner „Kaufhaus des Westens“ laden wohlhabende Bürger zum Flanieren ein. Konsum wird zum bürgerlichen Vergnügen.

Arbeiterinnen in einem Kabelwerk, 1895 SZ Photo/Süddeutsche Zeitung Photo

Die Kehrseite der Industrialisierung: Der Großteil der Bevölkerung muss in Fabriken harte körperliche Arbeit leisten.

Mietskasernen in Berlin, Beginn des 20. Jahrhunderts SZ Photo/Süddeutsche Zeitung Photo

In den rasant wachsenden Großstädten lebt die ärmere Bevölkerung in Mietskasernen dicht gedrängt auf engem Raum.

Großbürgerliche Wohnstube um 1900 SZ Photo/Süddeutsche Zeitung Photo

Das wohlhabende Bildungsbürgertum hingegen lässt seine großen Villen von Architekten und Künstlern elegant und modern einrichten.

Badegäste in St. Peter Ording, um 1910 SZ Photo/Süddeutsche Zeitung Photo

Gleichzeitig entstehen alternative Lebensreformbewegungen in der bürgerlichen Gesellschaft. Gesunde Ernährung, sportliche Betätigung sowie neuartige Pädagogikansätze stehen im Mittelpunkt.

Kaiser Wilhelm II.

Die sogenannte Wilhelminische Ära von 1890 bis 1914 ist von der Regentschaft Kaiser Wilhelms II. geprägt. Industrialisierung und Technisierung, wirtschaftliches Wachstum und wissenschaftliche Durchbrüche tragen zum Aufschwung des Deutschen Reichs bei.

Parade im Wilhelminischen Deutschland SZ Photo/Süddeutsche Zeitung Photo

Ein ausgeprägter Nationalismus führt bis zum Ersten Weltkrieg zur militärischen Aufrüstung. Als Oberster Kriegsherr vermittelt Kaiser Wilhelm II. Macht und Überlegenheit durch öffentliche Paraden.

Kaufhaus des Westens, 1907 SZ Photo/Süddeutsche Zeitung Photo

Die Wirtschaft floriert. Warenhäuser wie das Berliner „Kaufhaus des Westens“ laden wohlhabende Bürger zum Flanieren ein. Konsum wird zum bürgerlichen Vergnügen.

Arbeiterinnen in einem Kabelwerk, 1895 SZ Photo/Süddeutsche Zeitung Photo

Die Kehrseite der Industrialisierung: Der Großteil der Bevölkerung muss in Fabriken harte körperliche Arbeit leisten.

Mietskasernen in Berlin, Beginn des 20. Jahrhunderts SZ Photo/Süddeutsche Zeitung Photo

In den rasant wachsenden Großstädten lebt die ärmere Bevölkerung in Mietskasernen dicht gedrängt auf engem Raum.

Großbürgerliche Wohnstube um 1900 SZ Photo/Süddeutsche Zeitung Photo

Das wohlhabende Bildungsbürgertum hingegen lässt seine großen Villen von Architekten und Künstlern elegant und modern einrichten.

Badegäste in St. Peter Ording, um 1910 SZ Photo/Süddeutsche Zeitung Photo

Gleichzeitig entstehen alternative Lebensreformbewegungen in der bürgerlichen Gesellschaft. Gesunde Ernährung, sportliche Betätigung sowie neuartige Pädagogikansätze stehen im Mittelpunkt.

Kaiser Wilhelm II.

Die sogenannte Wilhelminische Ära von 1890 bis 1914 ist von der Regentschaft Kaiser Wilhelms II. geprägt. Industrialisierung und Technisierung, wirtschaftliches Wachstum und wissenschaftliche Durchbrüche tragen zum Aufschwung des Deutschen Reichs bei.

Parade im Wilhelminischen Deutschland SZ Photo/Süddeutsche Zeitung Photo

Ein ausgeprägter Nationalismus führt bis zum Ersten Weltkrieg zur militärischen Aufrüstung. Als Oberster Kriegsherr vermittelt Kaiser Wilhelm II. Macht und Überlegenheit durch öffentliche Paraden.

Kaufhaus des Westens, 1907 SZ Photo/Süddeutsche Zeitung Photo

Die Wirtschaft floriert. Warenhäuser wie das Berliner „Kaufhaus des Westens“ laden wohlhabende Bürger zum Flanieren ein. Konsum wird zum bürgerlichen Vergnügen.

Arbeiterinnen in einem Kabelwerk, 1895 SZ Photo/Süddeutsche Zeitung Photo

Die Kehrseite der Industrialisierung: Der Großteil der Bevölkerung muss in Fabriken harte körperliche Arbeit leisten.

Mietskasernen in Berlin, Beginn des 20. Jahrhunderts SZ Photo/Süddeutsche Zeitung Photo

In den rasant wachsenden Großstädten lebt die ärmere Bevölkerung in Mietskasernen dicht gedrängt auf engem Raum.

Großbürgerliche Wohnstube um 1900 SZ Photo/Süddeutsche Zeitung Photo

Das wohlhabende Bildungsbürgertum hingegen lässt seine großen Villen von Architekten und Künstlern elegant und modern einrichten.

Badegäste in St. Peter Ording, um 1910 SZ Photo/Süddeutsche Zeitung Photo

Gleichzeitig entstehen alternative Lebensreformbewegungen in der bürgerlichen Gesellschaft. Gesunde Ernährung, sportliche Betätigung sowie neuartige Pädagogikansätze stehen im Mittelpunkt.

Die sogenannte Wilhelminische Ära von 1890 bis 1914 ist von der Regentschaft Kaiser Wilhelms II. geprägt. Industrialisierung und Technisierung, wirtschaftliches Wachstum und wissenschaftliche Durchbrüche tragen zum Aufschwung des Deutschen Reichs bei.

Mut, Prestige und ein freiheitlich denkender Geist: Das braucht es, um sich in dieser Zeit für van Goghs Malerei einzusetzen. Ein neues gesellschaftliches Verantwortungsbewusstsein macht sich unter den progressiv Denkenden breit. Sie wollen an einer Reformierung der Kultur mitwirken und sich vom konservativen Geschmack der Elterngeneration emanzipieren. Gemälde von van Gogh zu sammeln, steht stellvertretend für dieses neue Selbstverständnis.

Vom wirtschaftlichen Aufschwung der bürgerlichen Schicht profitiert auch der Kunstmarkt. Mit dem neugewonnenen Reichtum stattet das Bürgertum seine Privathäuser standesgemäß aus. Das führt um 1900 in deutschen Städten zu einem Sammlerboom, der der Kulturmetropole Paris ernsthafte Konkurrenz macht.

Die Schlucht (Les Peiroulets) / Vincent van Gogh, 1889 Öl auf Leinwand, 73,2 x 93,3 cm, Kröller-Müller Museum, Otterlo, Niederlande, F661

Etwa 150 Gemälde, Plastiken und Arbeiten auf Papier umfasst die Sammlung von Harry Graf Kessler. Darunter sind auch mindestens drei Gemälde van Goghs, für die sich der gut vernetzte Förderer der Moderne und Publizist besonders begeistert.

Bauernhaus in der Provence / Vincent van Gogh, 1888 Öl auf Leinwand, 46,1 x 60,9 cm, National Gallery of Art, Washington, Ailsa Mellon Bruce Collection, 1970.17.34, F565, Courtesy National Gallery of Art, Washington

Bereits 1891, nur ein Jahr nach van Goghs Tod, erwirbt der Maler und Kunsthändler Willy Gretor sechs Gemälde von van Gogh. Vier davon schenkt er seiner Lebensgefährtin, der Malerin Maria Slavona. Das deutsche Paar lebt zu dieser Zeit in Paris.

Die Arlésienne / Vincent van Gogh, 1888 Öl auf Leinwand, 92,3 x 73,5 cm, Paris, Musée d'Orsay, Schenkung von Mrs. R. Goldschmidt-Rothschild, bekanntgegeben am Tag der Befreiung von Paris 25. August 1944 im Jahr 1952, bpk | Adoc-Photos

Die wohlhabende Kunstsammlerin Thea Sternheim besitzt mit insgesamt 13 Gemälden die umfangreichste Van-Gogh-Privatsammlung ihrer Zeit.

Die Schlucht (Les Peiroulets) / Vincent van Gogh, 1889 Öl auf Leinwand, 73,2 x 93,3 cm, Kröller-Müller Museum, Otterlo, Niederlande, F661

Etwa 150 Gemälde, Plastiken und Arbeiten auf Papier umfasst die Sammlung von Harry Graf Kessler. Darunter sind auch mindestens drei Gemälde van Goghs, für die sich der gut vernetzte Förderer der Moderne und Publizist besonders begeistert.

Bauernhaus in der Provence / Vincent van Gogh, 1888 Öl auf Leinwand, 46,1 x 60,9 cm, National Gallery of Art, Washington, Ailsa Mellon Bruce Collection, 1970.17.34, F565, Courtesy National Gallery of Art, Washington

Bereits 1891, nur ein Jahr nach van Goghs Tod, erwirbt der Maler und Kunsthändler Willy Gretor sechs Gemälde von van Gogh. Vier davon schenkt er seiner Lebensgefährtin, der Malerin Maria Slavona. Das deutsche Paar lebt zu dieser Zeit in Paris.

Die Arlésienne / Vincent van Gogh, 1888 Öl auf Leinwand, 92,3 x 73,5 cm, Paris, Musée d'Orsay, Schenkung von Mrs. R. Goldschmidt-Rothschild, bekanntgegeben am Tag der Befreiung von Paris 25. August 1944 im Jahr 1952, bpk | Adoc-Photos

Die wohlhabende Kunstsammlerin Thea Sternheim besitzt mit insgesamt 13 Gemälden die umfangreichste Van-Gogh-Privatsammlung ihrer Zeit.

Die Schlucht (Les Peiroulets) / Vincent van Gogh, 1889 Öl auf Leinwand, 73,2 x 93,3 cm, Kröller-Müller Museum, Otterlo, Niederlande, F661

Etwa 150 Gemälde, Plastiken und Arbeiten auf Papier umfasst die Sammlung von Harry Graf Kessler. Darunter sind auch mindestens drei Gemälde van Goghs, für die sich der gut vernetzte Förderer der Moderne und Publizist besonders begeistert.

Bauernhaus in der Provence / Vincent van Gogh, 1888 Öl auf Leinwand, 46,1 x 60,9 cm, National Gallery of Art, Washington, Ailsa Mellon Bruce Collection, 1970.17.34, F565, Courtesy National Gallery of Art, Washington

Bereits 1891, nur ein Jahr nach van Goghs Tod, erwirbt der Maler und Kunsthändler Willy Gretor sechs Gemälde von van Gogh. Vier davon schenkt er seiner Lebensgefährtin, der Malerin Maria Slavona. Das deutsche Paar lebt zu dieser Zeit in Paris.

Die Arlésienne / Vincent van Gogh, 1888 Öl auf Leinwand, 92,3 x 73,5 cm, Paris, Musée d'Orsay, Schenkung von Mrs. R. Goldschmidt-Rothschild, bekanntgegeben am Tag der Befreiung von Paris 25. August 1944 im Jahr 1952, bpk | Adoc-Photos

Die wohlhabende Kunstsammlerin Thea Sternheim besitzt mit insgesamt 13 Gemälden die umfangreichste Van-Gogh-Privatsammlung ihrer Zeit.

Etwa 150 Gemälde, Plastiken und Arbeiten auf Papier umfasst die Sammlung von Harry Graf Kessler. Darunter sind auch mindestens drei Gemälde van Goghs, für die sich der gut vernetzte Förderer der Moderne und Publizist besonders begeistert.

Zunehmend hält van Goghs Kunst auch in den Privathaushalten Einzug. Die Bilder hängen an der Wand, stehen neben den Betten oder auf dem Kaminsims. Das wachsende, private Interesse ist auch dem Kunstkritiker Julius Meier-Graefe zu verdanken. Seine dreibändige „Entwicklungsgeschichte der modernen Kunst“ darf in keinem gebildeten Haushalt fehlen. Van Gogh ist darin ein ganzes Kapitel gewidmet.

Von der Biografie zum Roman: In seinem Bestseller „Vincent“ von 1921 entwirft Meier-Graefe das Bild eines Künstlers, der an der Gesellschaft scheitert und sich ganz für seine Kunst aufopfert – ein tragischer Held. Das verkauft sich gut: Nicht zuletzt durch die überwiegend fiktive Erzählung wird der Name van Gogh berühmt.

Julius Meier-Graefe: Vincent van Gogh mit 40 Abbildungen und dem Faksimile eines Briefes, dritte Auflage, R. Piper Verlag, München 1910

Etwa 120 Gemälde und 36 Zeichnungen! So viele Werke van Goghs gelangen bis 1914 in deutsche Sammlungen. Gleichzeitig kann seine Kunst in etwa 60 Ausstellungen u. a. in Berlin, Dresden, München und Frankfurt betrachtet werden.

Für den ersten kommerziellen Erfolg ist jedoch eine Amsterdamer Schau ausschlaggebend: 1905 präsentiert das Stedelijk Museum eine Retrospektive mit nicht weniger als 474 Werken des Malers. Dort wird die große Vielfalt von van Goghs Kunst erlebbar.

Köln, 1912. Rund 60.000 Besucher zieht die bahnbrechende Ausstellung des Sonderbunds Westdeutscher Kunstfreunde und Künstler an. Was sie sehen, ist revolutionär: die erste Überblicksschau zur modernen Kunst überhaupt. Im Mittelpunkt steht Vincent van Gogh. Ihm sind die ersten fünf Säle der Ausstellung gewidmet. 125 Gemälde der insgesamt rund 600 präsentierten Werke stammen von ihm. Van Gogh als „Vater der Moderne“: Die Ausstellung prägt diesen Eindruck entscheidend.

Sonderbund-Ausstellung, Köln, 1912, Blick in einen der Van-Gogh-Säle rba_032413, Rheinisches Bildarchiv

Van Gogh
muss ins Muse­um

Bereit für Innovationen: Das sind auch einige Museumsdirektoren. Leidenschaftlich setzen sie sich für van Goghs öffentliche Sichtbarkeit ein. Doch die daraus resultierenden Konsequenzen sind ungeahnt heftig.

1902 eröffnet Karl Ernst Osthaus in Hagen seine „Halle des Volkes“ – das Folkwang Museum. Es gilt als Vorreiter in Sachen moderner Kunst. Im Jahr 1903 erwirbt der Direktor bereits das zweite Gemälde von van Gogh: Der eindringliche Blick und die fast grellen Farben im Porträt des jungen Armand Roulin fesseln damals wie heute den Betrachter.

Porträt Armand Roulin / Vincent van Gogh, 1888 Öl auf Leinwand, 65 x 54,1 cm, Museum Folkwang, Essen, F492
Anonym, Der Oberlichtsaal im Folkwang Museum in Hagen, um 1907 © Bildarchiv Foto Marburg

Mit viel Protest aus den konservativen Reihen muss Osthaus nicht rechnen: Sein Museum ist privat getragen, basiert auf dem eigenen Vermögen. Der Direktor entscheidet also unabhängig, welche Werke angekauft und präsentiert werden. Davon können andere ebenso fortschrittlich denkende Museumsdirektoren nur träumen!

Das Städel Museum am Schaumainkai, 1929 Privatbesitz

Ausgerechnet in Frankfurt am Main wird 1908 erstmals ein Van-Gogh-Gemälde in einer mit öffentlichen Geldern finanzierten Sammlung ausgestellt. Die neugegründete Städtische Galerie für moderne und zeitgenössische Kunst ist an das Städelsche Kunstinstitut angegliedert.

Bauernhaus in Nuenen / Vincent van Gogh, 1885 Öl auf Leinwand, 60 x 85 cm, Städel Museum, Frankfurt am Main, Eigentum des Städelschen Museums-Vereins e.V., F90

Der weitsichtige Direktor des Städel, Georg Swarzenski, ermöglicht den Ankauf: „Bauernhaus in Nuenen“ ist allerdings ein Frühwerk des Künstlers. Es schildert das karge Landleben in den Niederlanden. Mit den Sehgewohnheiten des damaligen Publikums bricht es noch nicht so stark. Die Innovationskraft von van Gogh kündigt sich hier nur leise an. Aber dieses frühe, relativ gefällige Gemälde soll das Frankfurter Publikum auf einen anderen großen Coup des jungen Museumsdirektors vorbereiten:

Bildnis des Dr. Gachet / Vincent van Gogh, 1890 (Vergleichsabbildung) 67 x 56 cm, Öl auf Leinwand, Privatsammlung, Foto: Bridgeman Images

1911 erwirbt Swarzenski ein echtes Glanzstück: das berühmte „Bildnis des Dr. Gachet“. Das letzte Porträt von der Hand des Künstlers ist nur wenige Wochen vor seinem Suizid entstanden. Wie kaum ein anderes zeigt es den expressiven Stil von van Goghs später Malweise.

Die gesamte Oberfläche erscheint durch die kräftigen Pinselstriche zerfurcht. Und doch liegt dem Gemälde ein hohes Maß an Ordnung zu Grunde. Dabei ist der Dargestellte in einer nachdenklichen Haltung gemalt, den Kopf in die Hand gestützt. Auf diese Weise verewigt van Gogh seinen letzten Nervenarzt, Dr. Paul Gachet, auf der Leinwand.

Sein Gesicht hat den schmerzlichen Ausdruck unserer Zeit.

Vincent van Gogh in: Benno Reifenberg: „Dr. Gachet“, in: Frankfurter Zeitung, 9.12.1937.

In der Ausstellung ist der im Museum verbliebene Rahmen des Gemäldes zu sehen. Wo sich das „Bildnis des Dr. Gachet“ heute befindet, wissen nur wenige Eingeweihte.

FINDING VAN GOGH Podcast Trailer

00:00 00:00 00:00

Der 5-teilige Podcast „FINDING VAN GOGH“ dreht sich um die bewegte Geschichte des letzten Porträts von van Gogh. Verfügbar ab 12. September 2019 überall, wo es Podcasts gibt, und auf www.findingvangogh.de

National­sozialismus und Kunst

Das „Bildnis des Dr. Gachet“ mausert sich im Laufe der Jahrzehnte zu einem zentralen Werk des Städel. Es wird zum prominenten Aushängeschild der Städtischen Galerie und ihrer fortschrittlichen künstlerischen Auffassung. Doch die nationalsozialistische Machtübernahme 1933 erschüttert die Kulturlandschaft. Van Goghs Malerei ist längst in das Fahrwasser der Debatten um die „Entartung“ von Kunst geraten: Der Platz des „Bildnis des Dr. Gachet“ in den Sälen des Museums ist nicht mehr sicher.

Zwei Mal fordern die Nationalsozialisten Gemälde aus dem Städel: Über 100 Kunstwerke werden daraufhin nach Berlin verschickt. Van Goghs Porträt scheint zunächst verschont. Doch dann kommt es 1937 zu einer letzten Beschlagnahmung und jegliche Gegenwehr bleibt ohne Erfolg – auch das „Bildnis des Dr. Gachet“ verlässt das Städel.

Nationalgalerie, Berlin SZ Photo/Süddeutsche Zeitung Photo

In Berlin entscheidet der Kaiser. Dort widmet sich die Nationalgalerie vor allem der deutschen Kunst. Hier kommt 1896 mit Hugo von Tschudi jedoch ein Direktor ins Amt, der sich für die internationale Moderne interessiert. Er unternimmt schließlich einen gewagten Schritt: Mit der finanziellen Unterstützung vermögender Privatpersonen tätigt er Ankäufe zeitgenössischer Kunst aus Frankreich und anderen Ländern. Sein Privatvermögen investiert er unter anderem in Gemälde von van Gogh – beispielsweise in „Blick auf Arles“. Das offizielle Budget der Nationalgalerie bleibt bei Ankäufen von Werken der internationalen Moderne also unangetastet. Anschließend versucht Tschudi, die Kunstwerke im Museum unterzubringen. Hierfür muss er sich die Genehmigung von Kaiser Wilhelm II. einholen.

Hugo von Tschudi, 1895

Zunehmend gerät er mit dieser Praxis bei den nationalistisch geprägten Kunstriegen Berlins in die Kritik. Die brisante Lage führt 1908 zum Eklat: Tschudi wird beurlaubt und muss die Nationalgalerie schließlich verlassen. Die Gemälde von van Gogh bleiben bis zu Tschudis Lebensende in dessen Privatbesitz. Erst danach gelangen einige davon in die neue Pinakothek in München. Hier war Tschudi ab 1909 Direktor der Staatlichen Galerien. Warum widerspricht die ungewöhnliche Komposition von „Blick auf Arles“ dem konservativen Kunstgeschmack des Kaisers?

Blick auf Arles / Vincent van Gogh, 1889 Öl auf Leinwand, 72 x 92 cm, Bayerische Staatsgemäldesammlungen, Neue Pinakothek München, F516

Heute ist es kaum noch vorstellbar: Der Ankauf eines Van-Gogh-Gemäldes mit öffentlichen Geldern ist damals brisant. Nicht nur konservative Kreise lehnen die Malerei van Goghs ab. Auch einige Kunstschaffende erheben ihre Stimmen gegen den Einzug „ausländischer“ Maler in deutsche Museen.

Mohnfeld / Vincent van Gogh, 1889 (Vergleichsabbildung) Öl auf Leinwand, 72 x 91 cm, Kunsthalle Bremen – Der Kunstverein in Bremen, erworben 1911 unter Mitwirkung des Galerievereins, Foto: Lars Lohrisch

Die Lage verschärft sich, als die Kunsthalle Bremen im Dezember 1910 van Goghs „Mohnfeld“ erwirbt. In mehreren Zeitungsartikeln und einer fünfzehnseitigen Streitschrift machen die Gegner einer vermeintlichen „großen Invasion französischer Kunst“ ihrem Ärger und ihren Vorurteilen Luft: Überteuert seien die Gemälde van Goghs und seiner „ausländischen“ Kollegen; die vermeintliche „Überfremdung“ des Kunstmarkts nähme deutschen Künstlern die Chance auf Anerkennung und Lohn. Insgesamt 123 Künstlerinnen und Künstler unterzeichnen das von dem Maler Carl Vinnen initiierte Protestschreiben.

Die Antwort lässt nicht lange auf sich warten: Schon im Juni 1911 verteidigen 47 Künstler, 28 Galerieleiter, Schriftsteller und Kunsthändler in einer Publikation die internationale Ausrichtung der deutschen Kunstlandschaft. Darunter sind Georg Swarzenski, Max Liebermann, Harry Graf Kessler und Max Pechstein. Viele Aussagen der Protestler können sie als falsch oder übertrieben entlarven. Sie betonen van Goghs großen Einfluss auf die jüngsten Künstlergenerationen.

Feindbild Frankreich

Militarismus und nationaler Größenwahn durchziehen unter Wilhelm II. die Gesellschaft des Deutschen Kaiserreichs. Im Bereich der Kultur schaut jedoch ganz Europa nach Frankreich. Kunst, Musik, Design und Mode können sich angesichts der französischen Überlegenheit nicht recht durchsetzen.

Gegen die kulturellen Neuheiten aus dem Nachbarland kommen die deutschen Kulturschaffenden einfach nicht an. Der Kaiser selbst macht aus seinem erzkonservativen Kunst- und Musikgeschmack kein Geheimnis. Spätestens seit dem Deutsch-Französischen Krieg von 1870/71 wird alles Französische zum Feindbild erklärt.

Kunst als Frage der nationalen Identität? Gerade zu Beginn des 20. Jahrhunderts führen Kritiker, Intellektuelle und Künstler eine rassengeschichtliche Diskussion! Im Mittelpunkt stehen die Ausdrucksformen verschiedener Künstler, Strömungen und ihre Wurzeln in regionalen Traditionen. Was im Nachhinein kaum nachvollziehbar ist, bewegt damals die Gemüter.

Van Gogh ist dabei besonders umstritten: Einerseits gilt er als Künstler, der sich in den Kreisen der französischen Avantgarde-Künstler bewegt und deren Einflüsse verarbeitet hat. Andererseits glaubten viele, in seiner ausdrucksstarken, gefühlsbetonten Malerei eine typisch nordisch-germanische Gestaltungsweise zu erkennen.

Van Gogh ist der Unsere! Gerade weil er der Erfüller der wesentlichen germanischen Probleme ist, geht er uns an.

Oskar Hagen Vincent van Gogh, in: Ganymed 2, 1920

Kultfigur

Kultfigur Van Gogh als Wegbereiter der Moderne

In einer Zeit tiefgreifender gesellschaftlicher Spannungen zieht die Kunst van Goghs das öffentliche Interesse auf sich und spaltet die Kulturszene. Ob verehrt oder verurteilt – seine Malerei trifft den Nerv der Zeit. Sie wird zum Vorbild einer ganzen Künstlerbewegung in Deutschland.

Er war uns allen ein Vater.

Max Pechstein

Auf der Suche nach künstlerischen und gesellschaftlichen Innovationen propagieren junge Künstler eigene Philosophien und Gestaltungskonzepte. Sie schließen sich zu Vereinigungen zusammen. Die berühmte Gruppierung „Brücke“, die Maler rund um den „Blauen Reiter“ – aber auch zahlreiche heute in Vergessenheit geratene Künstler – finden dabei in van Goghs Malerei entscheidende Impulse.

Die Pappeln in Saint-Rémy / Vincent van Gogh, 1889 Öl auf Leinwand, 61,6 x 45,7 cm, The Cleveland Museum of Art, Vermächtnis von Leonard C. Hanna, Jr. 1958.32, F638; Courtesy of The Cleveland Museum of Art

Die Malerei der letzten beiden Lebensjahre van Goghs wird zum Vorbild der jungen Künstler. Besonders die freie Verwendung der Farbe begeistert sie. Eine Landschaft in der Provence, im Mittelpunkt zwei langgestreckte Pappeln und doch zeigt das Gemälde vor allem Farbe und Pinselstriche. Wohl überlegt ordnet van Gogh die reine Farbe mal in richtungsgleichen Pinselstrichen an, mal züngeln sie an anderen Stellen bewegt empor.

In unterschiedlichen Teilen des Bildes setzt er die Farbe verschieden ein – mal dick, beinahe plastisch, dann wieder flach und glatt. Bereits zum Ende des 19. Jahrhunderts suchen Künstler nach neuen Wegen, Farbe einzusetzen. Van Gogh ist Teil dieser Entwicklung:

Saint-Pierre Platz, Paris / Vincent van Gogh, 1887 Öl auf Leinwand, 59,4 x 81,3 cm, Yale University Art Gallery, Schenkung von Henry R. Luce, B.A. 1920, F276; Creditline (Yale University Art Gallery, Schenkung von Henry R. Luce, B.A. 1920)

Farbtupfer an Farbtupfer: So setzt van Gogh das Gemälde ohne Konturen aus hellen, ungemischten Farben zusammen.

Ein Sonntagnachmittag auf der Insel La Grande Jatte / Georges Seurat, 1884/86 Öl auf Leinwand, 207,5 × 308,1 cm, The Art Institute of Chicago, Helen Birch Bartlett Memorial Collection, 1926.224

In Paris bewegt sich van Gogh in den Kreisen der Avantgarde-Künstler. Maler wie Paul Signac oder Georges Seurat setzen Farbe in Tupfen nebeneinander. Das Auge nimmt sie aus der Distanz als gemischte Töne wahr. Ihre Malweise bezeichnet man bereits damals als Pointilismus (franz. point = Punkt).

Augustine Roulin / Vincent van Gogh, 1889 Öl auf Leinwand, 91 x 71,5 cm, Collection Stedelijk Museum Amsterdam F507

Das Gemälde wird von schwarzen Umrisslinien bestimmt. Dazwischen ist die Farbe überwiegend flächig aufgetragen. Auf Schatten und Raumtiefe verzichtet van Gogh.

Café in Arles / Paul Gauguin, 1888 Öl auf Leinwand, 72 x 92 cm, Staatliches Puschkin-Museum der Bildenden Künste, bpk / Scala

Auch das Gemälde seines Künstlerkollegen Paul Gauguin setzt sich aus schwarzen Konturen und reduzierten Formen zusammen. Er ist damit Teil der Kunstströmung des Cloisonismus (franz. cloison = Scheidewand). Gauguin und van Gogh sind sich freundschaftlich verbunden und tauschen sich über ihre künstlerischen Vorstellungen aus. Van Gogh versucht eine Weile lang, sich der Malerei Gauguins anzunähern.

Regenschauer über der großen Brücke in Atake / Utagawa Hiroshige, 1857 Blatt 58 aus der Folge: 100 berühmte Ansichten von Edo, 1857, Farbholzschnitt, Collection Alan Medaugh, New York

Ungewöhnliche Bildausschnitte, klare Linien und Farben: Damals werden japanische Farbholzschnitte zum beliebten Sammlungsgut im europäischen Kunsthandel. Viele Künstler beginnen sich auf diese Kunst aus Japan zu beziehen. In Paris und den Niederlanden kann van Gogh zahlreiche der von ihm verehrten Farbholzschnitte in Geschäften betrachten und für seine Sammlung erwerben.

Saint-Pierre Platz, Paris / Vincent van Gogh, 1887 Öl auf Leinwand, 59,4 x 81,3 cm, Yale University Art Gallery, Schenkung von Henry R. Luce, B.A. 1920, F276; Creditline (Yale University Art Gallery, Schenkung von Henry R. Luce, B.A. 1920)

Farbtupfer an Farbtupfer: So setzt van Gogh das Gemälde ohne Konturen aus hellen, ungemischten Farben zusammen.

Ein Sonntagnachmittag auf der Insel La Grande Jatte / Georges Seurat, 1884/86 Öl auf Leinwand, 207,5 × 308,1 cm, The Art Institute of Chicago, Helen Birch Bartlett Memorial Collection, 1926.224

In Paris bewegt sich van Gogh in den Kreisen der Avantgarde-Künstler. Maler wie Paul Signac oder Georges Seurat setzen Farbe in Tupfen nebeneinander. Das Auge nimmt sie aus der Distanz als gemischte Töne wahr. Ihre Malweise bezeichnet man bereits damals als Pointilismus (franz. point = Punkt).

Augustine Roulin / Vincent van Gogh, 1889 Öl auf Leinwand, 91 x 71,5 cm, Collection Stedelijk Museum Amsterdam F507

Das Gemälde wird von schwarzen Umrisslinien bestimmt. Dazwischen ist die Farbe überwiegend flächig aufgetragen. Auf Schatten und Raumtiefe verzichtet van Gogh.

Café in Arles / Paul Gauguin, 1888 Öl auf Leinwand, 72 x 92 cm, Staatliches Puschkin-Museum der Bildenden Künste, bpk / Scala

Auch das Gemälde seines Künstlerkollegen Paul Gauguin setzt sich aus schwarzen Konturen und reduzierten Formen zusammen. Er ist damit Teil der Kunstströmung des Cloisonismus (franz. cloison = Scheidewand). Gauguin und van Gogh sind sich freundschaftlich verbunden und tauschen sich über ihre künstlerischen Vorstellungen aus. Van Gogh versucht eine Weile lang, sich der Malerei Gauguins anzunähern.

Regenschauer über der großen Brücke in Atake / Utagawa Hiroshige, 1857 Blatt 58 aus der Folge: 100 berühmte Ansichten von Edo, 1857, Farbholzschnitt, Collection Alan Medaugh, New York

Ungewöhnliche Bildausschnitte, klare Linien und Farben: Damals werden japanische Farbholzschnitte zum beliebten Sammlungsgut im europäischen Kunsthandel. Viele Künstler beginnen sich auf diese Kunst aus Japan zu beziehen. In Paris und den Niederlanden kann van Gogh zahlreiche der von ihm verehrten Farbholzschnitte in Geschäften betrachten und für seine Sammlung erwerben.

Saint-Pierre Platz, Paris / Vincent van Gogh, 1887 Öl auf Leinwand, 59,4 x 81,3 cm, Yale University Art Gallery, Schenkung von Henry R. Luce, B.A. 1920, F276; Creditline (Yale University Art Gallery, Schenkung von Henry R. Luce, B.A. 1920)

Farbtupfer an Farbtupfer: So setzt van Gogh das Gemälde ohne Konturen aus hellen, ungemischten Farben zusammen.

Ein Sonntagnachmittag auf der Insel La Grande Jatte / Georges Seurat, 1884/86 Öl auf Leinwand, 207,5 × 308,1 cm, The Art Institute of Chicago, Helen Birch Bartlett Memorial Collection, 1926.224

In Paris bewegt sich van Gogh in den Kreisen der Avantgarde-Künstler. Maler wie Paul Signac oder Georges Seurat setzen Farbe in Tupfen nebeneinander. Das Auge nimmt sie aus der Distanz als gemischte Töne wahr. Ihre Malweise bezeichnet man bereits damals als Pointilismus (franz. point = Punkt).

Augustine Roulin / Vincent van Gogh, 1889 Öl auf Leinwand, 91 x 71,5 cm, Collection Stedelijk Museum Amsterdam F507

Das Gemälde wird von schwarzen Umrisslinien bestimmt. Dazwischen ist die Farbe überwiegend flächig aufgetragen. Auf Schatten und Raumtiefe verzichtet van Gogh.

Café in Arles / Paul Gauguin, 1888 Öl auf Leinwand, 72 x 92 cm, Staatliches Puschkin-Museum der Bildenden Künste, bpk / Scala

Auch das Gemälde seines Künstlerkollegen Paul Gauguin setzt sich aus schwarzen Konturen und reduzierten Formen zusammen. Er ist damit Teil der Kunstströmung des Cloisonismus (franz. cloison = Scheidewand). Gauguin und van Gogh sind sich freundschaftlich verbunden und tauschen sich über ihre künstlerischen Vorstellungen aus. Van Gogh versucht eine Weile lang, sich der Malerei Gauguins anzunähern.

Regenschauer über der großen Brücke in Atake / Utagawa Hiroshige, 1857 Blatt 58 aus der Folge: 100 berühmte Ansichten von Edo, 1857, Farbholzschnitt, Collection Alan Medaugh, New York

Ungewöhnliche Bildausschnitte, klare Linien und Farben: Damals werden japanische Farbholzschnitte zum beliebten Sammlungsgut im europäischen Kunsthandel. Viele Künstler beginnen sich auf diese Kunst aus Japan zu beziehen. In Paris und den Niederlanden kann van Gogh zahlreiche der von ihm verehrten Farbholzschnitte in Geschäften betrachten und für seine Sammlung erwerben.

Farbtupfer an Farbtupfer: So setzt van Gogh das Gemälde ohne Konturen aus hellen, ungemischten Farben zusammen.

Stil­suche

Gerade einmal zehn Jahre kann sich van Gogh ausschließlich auf die Kunst konzentrieren. In dieser kurzen Zeit entwickelt er seine unverwechselbare späte Malweise, für die sein Name bis heute steht. Das Gesamtwerk zeigt, dass der Maler mit vielen unterschiedlichen künstlerischen Strömungen experimentiert. Bewusst setzt er verschiedene Malweisen ein. Diese beiden Selbstporträts stammen aus demselben Jahr: Während die erdigen Farbtöne des einen an realistische Gemälde in akademischer Tradition erinnern, scheinen die pastellenen, sichtbaren Pinselstriche des anderen an die Malweise der Impressionisten angelehnt.

Selbstporträt / Vincent van Gogh, 1887 Öl auf Leinwand, 38,8 x 30,3 cm, Kunstmuseum Den Haag, F178v Selbstporträt / Vincent van Gogh, 1887 Öl auf Karton, 32,8 x 24 cm, Kröller-Müller Museum, Otterlo, Niederlande, F380

Van Gogh ist tot, aber die van Gogh-Leute leben. Und wie leben sie! Überall van Goghelt’s.

Ferdinand Avenarius Vom Van Gogheln, in: Der Kunstwart, 24,1910

Neue Wahrnehmungsformen und Inspirationsquellen – danach suchen die jungen Künstler, die heute als Expressionisten bezeichnet werden. In van Gogh erblicken sie das Vorbild für eine antibürgerliche Mal- und Lebensweise. Ihr Ziel ist es, nicht nur die äußere Erscheinung, sondern tiefere, innere Wahrheiten abzubilden. Das, was sie unmittelbar empfinden, wollen die Maler ausdrücken.

Weizenfeld mit Kornblumen / Vincent van Gogh, 1890 Öl auf Leinwand, 60 x 81 cm, Fondation Beyeler, Riehen/Basel, Sammlung Beyeler, F808

Mit kurzen prägnanten Strichen versetzt van Gogh das Gemälde rhythmisch in Bewegung. Farbe und Pinselstrich entfernen sich vom Gegenstand und beginnen, für sich selbst zu stehen. In van Goghs Werk ist das Sichtbarmachen des Malprozesses ebenso wichtig wie das dargestellte Motiv.

Am Meer (Steilküste) / Karl Schmidt-Rottluff, 1906 Öl auf Karton, 71 x 71 cm, Brücke Museum, Berlin © Brücke-Museum, Foto: Nick Ash © VG Bild-Kunst, Bonn 2019

Ein Meer von Farben: Das Motiv löst sich fast vollständig in kurze Pinselstriche auf. Inspiriert von van Goghs Malweise wendet sich Karl Schmidt-Rottluff von der rein beschreibenden Funktion des Farbauftrags ab.

Die Schlucht (Les Peiroulets) / Vincent van Gogh, 1889 Öl auf Leinwand, 73,2 x 93,3 cm, Kröller-Müller Museum, Otterlo, Niederlande, F661

Im Gemälde „Die Schlucht“ löst van Gogh das schroffe Gestein in eine bewegte, fast zähflüssig erscheinende Farboberfläche auf. Das gelingt dem Maler durch den Einsatz von züngelnden und regelmäßigen Pinselstrichen.

Spätnachmittag (Dangast) / Erich Heckel, 1907 Öl auf Leinwand, 46 x 71 cm, Sammlung Claus Hüppe-Stiftung, courtesy Kunsthalle Emden © Nachlass Erich Heckel © VG Bild-Kunst, Bonn 2019

Im Gegensatz zu van Goghs kontrollierten Pinselstrichen treibt der Maler Erich Heckel die Farbmasse ekstatisch und impulsiv über die Leinwand.

Weizenfeld mit Kornblumen / Vincent van Gogh, 1890 Öl auf Leinwand, 60 x 81 cm, Fondation Beyeler, Riehen/Basel, Sammlung Beyeler, F808

Mit kurzen prägnanten Strichen versetzt van Gogh das Gemälde rhythmisch in Bewegung. Farbe und Pinselstrich entfernen sich vom Gegenstand und beginnen, für sich selbst zu stehen. In van Goghs Werk ist das Sichtbarmachen des Malprozesses ebenso wichtig wie das dargestellte Motiv.

Am Meer (Steilküste) / Karl Schmidt-Rottluff, 1906 Öl auf Karton, 71 x 71 cm, Brücke Museum, Berlin © Brücke-Museum, Foto: Nick Ash © VG Bild-Kunst, Bonn 2019

Ein Meer von Farben: Das Motiv löst sich fast vollständig in kurze Pinselstriche auf. Inspiriert von van Goghs Malweise wendet sich Karl Schmidt-Rottluff von der rein beschreibenden Funktion des Farbauftrags ab.

Die Schlucht (Les Peiroulets) / Vincent van Gogh, 1889 Öl auf Leinwand, 73,2 x 93,3 cm, Kröller-Müller Museum, Otterlo, Niederlande, F661

Im Gemälde „Die Schlucht“ löst van Gogh das schroffe Gestein in eine bewegte, fast zähflüssig erscheinende Farboberfläche auf. Das gelingt dem Maler durch den Einsatz von züngelnden und regelmäßigen Pinselstrichen.

Spätnachmittag (Dangast) / Erich Heckel, 1907 Öl auf Leinwand, 46 x 71 cm, Sammlung Claus Hüppe-Stiftung, courtesy Kunsthalle Emden © Nachlass Erich Heckel © VG Bild-Kunst, Bonn 2019

Im Gegensatz zu van Goghs kontrollierten Pinselstrichen treibt der Maler Erich Heckel die Farbmasse ekstatisch und impulsiv über die Leinwand.

Weizenfeld mit Kornblumen / Vincent van Gogh, 1890 Öl auf Leinwand, 60 x 81 cm, Fondation Beyeler, Riehen/Basel, Sammlung Beyeler, F808

Mit kurzen prägnanten Strichen versetzt van Gogh das Gemälde rhythmisch in Bewegung. Farbe und Pinselstrich entfernen sich vom Gegenstand und beginnen, für sich selbst zu stehen. In van Goghs Werk ist das Sichtbarmachen des Malprozesses ebenso wichtig wie das dargestellte Motiv.

Am Meer (Steilküste) / Karl Schmidt-Rottluff, 1906 Öl auf Karton, 71 x 71 cm, Brücke Museum, Berlin © Brücke-Museum, Foto: Nick Ash © VG Bild-Kunst, Bonn 2019

Ein Meer von Farben: Das Motiv löst sich fast vollständig in kurze Pinselstriche auf. Inspiriert von van Goghs Malweise wendet sich Karl Schmidt-Rottluff von der rein beschreibenden Funktion des Farbauftrags ab.

Die Schlucht (Les Peiroulets) / Vincent van Gogh, 1889 Öl auf Leinwand, 73,2 x 93,3 cm, Kröller-Müller Museum, Otterlo, Niederlande, F661

Im Gemälde „Die Schlucht“ löst van Gogh das schroffe Gestein in eine bewegte, fast zähflüssig erscheinende Farboberfläche auf. Das gelingt dem Maler durch den Einsatz von züngelnden und regelmäßigen Pinselstrichen.

Spätnachmittag (Dangast) / Erich Heckel, 1907 Öl auf Leinwand, 46 x 71 cm, Sammlung Claus Hüppe-Stiftung, courtesy Kunsthalle Emden © Nachlass Erich Heckel © VG Bild-Kunst, Bonn 2019

Im Gegensatz zu van Goghs kontrollierten Pinselstrichen treibt der Maler Erich Heckel die Farbmasse ekstatisch und impulsiv über die Leinwand.

Mit kurzen prägnanten Strichen versetzt van Gogh das Gemälde rhythmisch in Bewegung. Farbe und Pinselstrich entfernen sich vom Gegenstand und beginnen, für sich selbst zu stehen. In van Goghs Werk ist das Sichtbarmachen des Malprozesses ebenso wichtig wie das dargestellte Motiv.

Aus der
Natur

Der Wunsch nach Neuem und gleichzeitig die Sehnsucht nach Ursprünglichem: Die jungen Expressionisten suchen das „Unmittelbare und Unverfälschte“ auf dem Land.

Die Industrialisierung der Wirtschaft, die beginnende Mechanisierung des Lebens und die schnell wachsenden Großstädte mit ihren Elendsquartieren lassen die jungen Künstler in andere, ursprünglichere Welten fliehen. Sie orientieren sich an Motiven, die sie in van Goghs Darstellungen des alltäglichen Landlebens finden. Diese Kunstwerke waren in der südfranzösischen Provinz entstanden. Dorthin flieht van Gogh vor der Sinnesüberreizung der Metropole Paris und auf der Suche nach dem Licht des Mittelmeerraums.

Weiße Hütten bei Saintes-Maries / Vincent van Gogh, 1888 Öl auf Leinwand, 33,5 x 41,5 cm, Kunsthaus Zürich, Geschenk von Walter Haefner, 1995, F419 Fehmarn-Häuser / Ernst Ludwig Kirchner, 1908 Öl auf Leinwand, 75 x 98 cm, Städel Museum, Frankfurt am Main, Dauerleihgabe aus Privatbesitz © Städel Museum – ARTOTHEK

Van Gogh hat sein Gemälde 1888 im südfranzösischen Küstenort Saintes-Maries-de-la-Mer gemalt. Die einfachen Hütten sind durch den Einsatz von Komplementärkontrasten wie Blau und Orange oder Rot und Grün ausdrucksstark dargestellt.

Auch Kirchner zieht es immer wieder aufs Land. „Fehmarn-Häuser“ malt er bei seinem ersten Besuch auf der Ostseeinsel im Mai 1908. Der Künstler sagt selbst, dass er in solchen Gemälden das Wesentliche des Lebens einfangen wolle. Der dicke, pastose Farbauftrag und die komplementären Farbkontraste orientieren sich deutlich an seinem Vorbild van Gogh.

Die Kraft der Komplementär­farben

Rot und Grün, Blau und Orange, Gelb und Lila: Kombinationen, die sich im Farbkreis gegenüberstehen, nennt man komplementär (lat. complementum = Ergänzung). Sie bilden einen intensiven Farbkontrast und wirken daher zusammen besonders lebendig und ausdrucksstark.

Gleichzeitig bringen sie sich gegenseitig zum Leuchten. Van Gogh und die Künstler des Expressionismus setzen diesen Effekt bewusst in ihren Bildern ein.

Zwei junge Männer bei der Feldarbeit: Das Motiv der grabenden Bauern erscheint als Symbolbild von Tugend und Demut. Nicht zuletzt wird dem religiösen van Gogh das biblische Gleichnis des Ackerpflügens vor Augen gestanden haben. Van Gogh nutzt das seit der Antike bekannte Motiv des Bauern als Gegenbild zu dem in seinen Augen dekadenten Städter.

Bauern bei der Feldarbeit / Vincent van Gogh, 1889 Öl auf Leinwand, 72 x 93 cm, Collection Stedelijk Museum Amsterdam, F648
Grabender Bauer / Heinrich Nauen, 1908 Öl auf Leinwand, 70 x 60 cm, Galerie Ludorff, Düsseldorf, Foto: Achim Kukulies, Düsseldorf

Der Maler Heinrich Nauen lebt in Berlin, doch verbringt er seine Sommer am Niederrhein. Kein anderes Thema hat den Künstler mehr beschäftigt als der auf dem Feld arbeitende Mensch. Die vornübergebeugte Haltung des „Grabenden Bauern“ deutet die reale Härte der körperlichen Landarbeit an. Nauen nähert sich nicht nur motivisch van Gogh an: Auch seine Pinselführung zeigt deutliche Einflüsse seines Vorbildes.

Unmittelbar und unverfälscht soll die Wahrnehmung und Darstellung der Welt sein – davon sind die deutschen Expressionisten überzeugt. Eigene Naturerlebnisse voller Intensität versuchen sie auf die Leinwand zu bannen. Auch dafür sind die Gemälde van Goghs ideale Vorbilder.

Weiden bei Sonnenuntergang / Vincent van Gogh, 1888 Öl auf Leinwand auf Karton, 31,6 x 34,3 cm, Kröller-Müller Museum, Otterlo, Niederlande, F572

Eine lodernde Scheibe mit Strahlenkranz: Am Ende des 19. Jahrhunderts ist van Gogh einer der wenigen Künstler, der die Sonne so direkt darstellt. In „Weiden beim Sonnenuntergang“ überzieht van Gogh die Leinwand mit einem Geflecht aus langen, schmalen Pinselstrichen.

Stundenlang soll der Maler die Natur eindringlich beobachtet und gemalt haben. Van Gogh setzt sich intensiv mit dem auseinander, was er sieht und erlebt. Daraus entwickelt er seine ausdrucksstarken Farblandschaften.

Fahl bricht sie durch die grauen Wolken: Das Motiv der ausstrahlenden Sonne steht auch im Mittelpunkt des Gemäldes von Otto Dix. Grau, Schwarz, Weiß – diese Farbwahl würde man allerdings kaum in einem spätem Van-Gogh-Gemälde finden! Dix‘ Landschaftsdarstellung transportiert damit eine tiefere Bedeutung und erhält eine symbolische Wirkung. Unter der Signatur findet sich die Jahreszahl 1913. Im Rückblick wirkt das unheilvolle Bild wie eine Vorahnung des Ersten Weltkriegs.

Sonnenaufgang / Otto Dix, 1913 Öl auf Papier auf Pappe, 50,5 x 66 cm, Städtische Galerie Dresden – Kunstsammlung, Museen der Stadt Dresden, Foto: Herbert Boswank, erworben 2012 mit Unterstützung der Ernst von Siemens Kunststiftung, der Kulturstiftung der Länder, der Hermann Reemtsma Stiftung und der Rudof-August Oetker Stiftung © VG Bild-Kunst, Bonn 2019

Er [van Gogh] … war eins mit dem Element, das er darstellte, malte sich selbst in den lodernden Wolken, in denen tausend Sonnen der Erde Zerstörung drohen, in den entsetzt zum Himmel aufschreienden Bäumen, in der schrecklichen Weite seiner Ebenen.

Julius Meier-Graefe Vincent van Gogh, 1910

Die Sonne als Zeichen drohenden Unheils: Es ist kein Zufall, dass Dix sie nach dem Vorbild van Goghs so inszeniert. Viele der deutschen expressionistischen Maler unterstellen den Gemälden des Niederländers eine visionäre Kraft. Wie kommt es zu dieser Wahrnehmung?

Van Gogh als Prophet: Der Kunstkritiker Julius Meier-Graefe verbreitet in den 1910er- und 1920er-Jahren dieses Bild des Künstlers. In zahlreichen Schriften und Aufsätzen ist er maßgeblich an der Entstehung des Mythos um den Maler beteiligt. Besonders sein Roman „Vincent“ wird in Deutschland zum Bestseller – und erscheint ab 1931 mit dem Untertitel „Roman eines Gottsuchers“.

Selbstbildnis / Vincent van Gogh, 1887 Öl auf Malpappe, montiert auf parkettierter Holztafel, 41 x 32,5 cm, The Art Institute of Chicago, Joseph Winterbotham Collection, 1954.326, F345

Meier-Graefes Bild von van Gogh polarisiert: In rauschhaften Zuständen seien seine Gemälde entstanden, der geistige Ausnahmezustand habe die Kreativität beflügelt – ein Künstler zwischen Wahnsinn und Genie. Die eigentlich sehr reflektierte und planende Seite von van Goghs künstlerischer Arbeit tritt dabei völlig in den Hintergrund.

Bäume schreien, Wolken jagen entsetzt, Sonnen gleißen glühenden Löchern gleich im Chaos. Die Bilder sind oft, man weiß es, in blindem Taumel gemalt.

Julius Meier-Graefe Entwicklungsgeschichte der Modernen Kunst, 1904
Selbstbildnis / Peter August Böckstiegel, 1913 Öl auf Leinwand, 48 x 38,5 cm, Peter-August-Böckstiegel-Stiftung, Werther (Westf.) © VG Bild-Kunst, Bonn 2019 Selbstbildnis mit Palette / Ludwig Meidner, 1919 Öl, Tempera auf Karton, 70,1 x 54,6 cm, Winfried Flammann, Karlsruhe © Ludwig Meidner-Archiv, Jüdisches Museum der Stadt Frankfurt am Main

Die geistige Andersartigkeit, der Außenseiter der Gesellschaft, rauschhafte Malexzesse und ein Leben im Dienste der Kunst – Julius Meier-Graefes überzeichnete Schilderungen van Goghs befeuern das Selbstverständnis der jüngeren Künstlergenerationen. Eine außerordentliche Empfindsamkeit und visionäre malerische Kraft wird zum Programm der künstlerischen Selbstinszenierung.

Sie [die Künstler] bewundern, wie kühn er den Kampf mit der Natur aufnimmt, […] sein Streben Alles bis zum letzten zu sagen, was er empfindet, die Eindringlichkeit, mit der er die bizarrsten Schwingungen seines Gefühlslebens wieder gibt […].

Maurice Denis Von Gauguin und van Gogh zum Klassizismus, in: Kunst und Künstler. Illustrierte Monatsschrift für bildende Kunst und Kunstgewerbe, 8, 1910

Outro

Ob in Filmen, Romanen, auf Taschen oder Stiften – van Gogh ist inzwischen eine Marke. Der Mythos um den Künstler setzt sich bis heute fort. Er ist das Ergebnis einer systematischen Legendenbildung, an deren Entstehung einflussreiche Galeristen, Publizisten, Sammler und Museumsdirektoren in Deutschland einen maßgeblichen Anteil hatten. Die malerischen Neuerungen des Vincent van Gogh zogen auch die jungen Künstlergenerationen in ihren Bann. Heute ist man sich einig: Vincent van Goghs ist eine zentrale Schlüsselfigur für die deutsche Avantgarde zu Beginn des 20. Jahrhunderts.

Geheimtipp

Geheim­tipp

Van Goghs malerische Handschrift – unverwechselbar? Zu Beginn des 20. Jahrhunderts kennen viele Menschen die Bilder nur aus Zeitschriften oder Ausstellungskatalogen. Statt der farbgewaltigen Gemälde sehen sie Schwarz-Weiß-Reproduktionen. So bemerken einige Käufer den recht offensichtlichen Unterschied zwischen Original und Fälschung nicht. Der größte Fälscherskandal um die Kunst van Goghs ist in die Geschichte eingegangen: Der Kunsthändler Otto Wacker bringt bis 1928 rund 30 Fälschungen in Umlauf. Was von seinem Bruder Leonhard Wacker gemalt wurde, entlarven Kunstkenner erst im direkten Vergleich mit den echten Werken als Fälschungen. Eins steht fest: Ein Van-Gogh-Gemälde lässt sich nur vor dem Original wirklich erleben.

Links: Der Sämann (nach Millet) / Vincent van Gogh, 1890; rechts: Sämann / Leonhard Wacker, 1928 Links: Öl auf Leinwand, 64 x 55 cm, Kröller-Müller Museum, Otterlo, Niederlande; rechts: Öl auf Leinwand, 44 x 57,5 cm, Privatbesitz